Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf
(26. Mai 1700 - 9. Mai 1760)
 
Am 26. Mai 2000 jährte sich der Geburtstag Zinzendorfs zum 300. Mal. Das ist in unserer Kirche und Gesellschaft so üblich, dass wir berühmten und verehrten Persönlichkeiten anlässlich solcher Gedenktage eine entsprechende Würdigung zu Teil werden lassen.
Also los:
Geburtsdatum: 26.5.1700
Geburtsort: Dresden
Aufgewachsen auf dem Schloss "Grosshennersdorf in der Oberlausitz" bei seiner Großmutter, Henriette Katharina von Gersdorf.
Jetzt müssten weitere Lebensdaten folgen. Was hat er studiert, was hat Zinzendorf geschaffen? An dieser Stelle möchte ich Einhalt gebieten und sie einen kurzen Moment entführen:
 
Warum tun wir das eigentlich? Was haben wir davon, wenn wir in den Geschichtsbüchern blättern und wühlen, wir Daten vergleichen, wir Jubiläen ausrufen und uns Vorträge anhören über die Gestalten der Geschichte im Allgemeinen und der Kirchengeschichte?
Ein Beispiel:
Im letzten Jahr beging unsere Kirche das Katharina von Bora Jahr anlässlich des 500. Geburtstages der Ehefrau Martin Luthers. Mit viel Einsatz wurde der Staub von den Bildern geputzt und man hat zusammengetragen und gekratzt, was man alles über diese ehrenwerte "Frau Lutherin" zusammenbringen konnte. Und - was hat es genutzt? Nichts. Niemand hat gefragt, was die Bedeutung der Katharina von Bora für heute, für unsere Kirche, für unsere Gesellschaft ist und darum war der ganze Einsatz zwecklos.
Geschichte um ihrer selbst willen ist ein nutzloser Zeitvertreib. Man muss die Fragen nach der Gegenwart stellen. Lässt man diese aus, man sammelt ein totes Wissen zusammen, mit dem man nichts anfangen kann.
 
Es soll nun nicht die Langeweile eintreten und darum Schluss mit diesem Exkurs. Er soll jedoch ihre Aufmerksam darauf lenken, dass sie über Graf von Zinzendorf nun keinen Geschichtsvortrag zu erwarten haben, sondern eine Darstellung die davon ausgeht und voraussetzt, wir beschäftigen uns mit diesem Mann, weil wir ihn und das was er geschaffen hat heute noch brauchen.
 
Als Student hat mich die Person Zinzendorfs gelangweilt. Das gebe ich gerne unverwandt zu. Bei Vladimir Nabokov habe ich gelernt, dass der Gebrauch von Denominativen (Verniedlichungen) kindisch ist und ich wollte schon immer gern ein erwachsener und ernsthafter Theologe sein. Folglich musste mich ein Mann wie Zinzendorf stören. Wer von der göttlichen Dreieinigkeit von "Papa, Mama und ihr Flämmlein, Bruder Lämmlein..." sprach, den konnte man doch allen Ernstes nicht ganz ernst nehmen.
 
Aber so war er nun einmal unser Graf Nikolaus. Man kann es ihm auch nicht verübeln, denn er war, der Familientradition entsprechend Jurist. Zuvor hatte er in Halle, in den Anstalten des Pietisten August Herrmann Francke seine Schulzeit verlebt und in Wittenberg studiert. Seine Großmutter wollte, dass er in den Staatsdienst und das tat er dann auch. Wie Großmütter nun mal sind, hat sie ihm diesen Schritt erleichtert, in dem sie ihrem Enkel das Gut Berthelsdorf in der Nähe von Schloss Hennersdorf preiswert verkaufte und Zinzendorf so zu einem ordentlichen Landsitz kam.
Was die Großmutter nicht wusste, sie ermöglichte Zinzendorf die Verwirklichung eines Traumes. Hier konnte er eine Schlossgemeinde aufbauen. Eine kleine religiös vereinte Gemeinde, die sowohl die herrschaftliche Familie, als auch das fromme Hausgesinde zusammenfasste zur "Schlossecclesiola" Um den Segen abzurunden heiratete er 1722 die Schwester seines Freundes Dorothea von Reuß die selbstverständlich ebenfalls einem pietistisch geprägten Elternhaus entstammte.
 
Seinen Ruf, als Begründer der "Herrenhuter Brüdergemeinde" besiegelte sich zunächst ohne sein Zutun. Sein Gutsverwalter nahm Flüchtlinge aus Mähren auf, die dort auf Grund ihrer Anhängerschaft an den Reformator Hus flüchten mussten. Der Name Herren Hut sollte zum Ausdruck bringen, dass in dieser Gemeinde alle Einwohner auf und unter des Herren Hut stehen. Zinzendorf selbst hatte zunächst Bedenken gegen dieses Unternehmen, denn die Nähe zur böhmischen Grenze konnte einen politischen Konflikt mit den Habsburgern heraufbeschwören, was seiner Tätigkeit im staatlichen Dienst abträglich gewesen wäre. Eines anderen wurden der Graf überzeugt, als er die ehrliche und tiefe Frömmigkeit der Flüchtlinge kennen lernte. Schnell war sein Herz für die eingenommen.
1727 gab es einen erneuten Wendepunkt in seinem Leben. Der Tod seiner Großmutter ermöglichte ihm seinen Staatsdienst aufzugeben.. Nun war er frei zum Aufbau der Gemeinde. 300 Menschen hatten sich mittlerweile bei ihm angesiedelt. Herrnhut war ein Sammelbecken der religiösen und kirchlichen Abweichler und Separatisten. Das führte zu redlichen Spannungen der Menschen untereinander und zu einer kritischen Beobachtung und Beurteilung der evangelischen Kirchen. Aus der Schlossgemeinde wurde eine Dorfgemeinde. Die Querelen wurde in einer Abendmahlsfeier am 13. August 1727 überwunden. Von da ab sprach man sich in Herrnhut mit Bruder und Schwester an. Danach wurde eine Gemeindeverfassung erarbeitet. Sie enthielt viele neue geistliche Elemente, wie das Stundengebet, die Liebesmahle (Agape), die Fußwaschung, die Nachtwachen, so dass der Alltag der Gemeinde in solche liturgischen Zeiten eingebetet war.
In diesem Zusammenhang sind auch die Losungen entstanden. Nach der Singstunde am 3.5.1728 überraschte Zinzendorf die Gemeinde mit einer neuen Idee. Er gab ihr eine Losung für den folgenden Tag. Die erste Losung lautete: ""Liebe hat ihn hergetrieben, Liebe riss ihn von dem Thron, und ich sollte ihn nicht lieben?"
Die Grundidee der Losung ist eine gar nicht so freundliche. Entliehen ist sie der militärischen Tradition. Der Anführer im Krieg suchte des Abends eine Parole aus, mit der sich seine Leute am nächsten Tag erkennen konnten. Zinzendorf nahm diesen Gedanken auf und verband ihn mit der Überlegung, dass Christen "Streiter für das Reich Gottes" sein. Ein Nebengedanke war, dass Losung auch etwas mit dem Wort "Los" zu tun hat. Auch diese Rückbindung integrierte der Graf in diesem Modell der täglichen Bibellesung.
 
Auf Grund der religiösen Umtriebe wurde Zinzendorf von den sächsischen Kurfürsten mehrfach von seinem Gut verbannt. Damit sollte die Zerschlagung der Brüdergemeinde erreicht werden. 11 Jahre musste die Gemeinde ohne ihren Vorsteher auskommen. In der Zeit seines Exils studierte Zinzendorf Theologie in Berlin und wurde zum Bischof der mährischen Brüderkirche ordiniert. Herrenhut nahm derweil seine missionarische Tätigkeit auf. In alle Welt (Karibik, Grönland, Süd- und Nordamerika) wurden ab 1732 Missionare entsandt. Zinzendorf selbst verweilte mehrfach in Nordamerika.
Persönlich wurde Zinzendorf vom Schicksal nicht verschont. Von seinen 12 Kinder überlebten nur 4 das Kindsalter. 1756 starb seine unentbehrlich Gehilfin, seine Frau. Im folgenden Jahr vermählte er sich erneut mit der Handwerkstochter Anna Nitschmann, die große seelsorgerliche und geistliche Gaben besaß und viele Jahre der Frauenarbeit in Herrenhut als Älteste vorstand. Zinzendorf selbst starb 1760 an den Folgen einer schweren Erkältung. Sein Tod nahm ihm die Arbeit für das Losungsbuch 1761 aus den Händen, das nach seiner Fertigstellung den Namen "Valet-Segen" erhielt.
Nun hatte ich diesen Vortrag mit dem hehren Hinweis begonnen, dass Geschichte um ihrer selbst Willen unnütz sei. Also: Was haben wir nun von dem Herrn Grafen Zinzendorf für unsere Gegenwart und für die Zukunft.
Zinzendorf hat zum einen gezeigt, dass unterschiedliche religiöse Gruppen durch ein gemeinsames geistliches Leben zueinander finden können.
Das ist ein unverzichtbarer Wert seiner Arbeit, den wir als Kirchen gar nicht mehr zu schätzen wissen. Es mag daran liegen, dass er sich vornehmlich mit religiösen Splittergruppen beschäftigte. Jedoch ist unbestreitbar, wie auch immer die Frömmigkeit seiner Gemeinde geprägt war, geistlich war sie vereint und suchte in ihrem geistlichen Leben stets ein Miteinander, weil die Menschen in Herrnhut begriffen hatten, dass ihre religiösen Zwistigkeiten ihre Existenz bedrohten.
Des weiteren ist unverzichtbar, dass Zinzendorf kein herrschaftliches Christentum wollte. Seine Gemeinde funktionierte, weil er alle Glieder in die Verantwortung mit eingebunden hat. Man kann heute sagen, dass er demokratische Ansätze verfolgte.
Der Graf, der sich als "Bruder unter Brüdern" verstand, wollte die Gemeinde als "Republik Gottes zu Herrnhut" verstanden wissen. Alle Mitglieder sollten sich in gleicher Weise für die Gemeinde verantwortlich wissen. Diese Ideen der "Demokratisierung" waren damals revolutionär. Jedoch wollte Zinzendorf nicht die Standesunterschiede aufheben, die er als göttliche Ordnung verstand, sondern deutlich machen, dass sie vor Gott unwesentlich waren.
Eine weitere revolutionäre Errungen der Herrnhuter war die Einbindung der Frauen in die Leitung der Gemeinde. Die Parallelstruktur von Brüder und Schwestern machte es nötig, dass die Arbeit der Frauen auch von diesen selbst organisiert und geleitet wurde. Zudem war Zinzendorf davon überzeugt, dass die Seelsorge von Frauen am besten auch von Frauen zu leisten sei. Seine hohe Meinung von Frauen war wohl dadurch begründet, dass er vaterlos aufwuchs und den Einsatz der Frauen in seinem Leben sehr zu schätzen wusste.
Mit der ökumenischen, der demokratischen und gleichgeschlechtlichen Gemeindeführung hinterlässt Zinzendorf uns drei Aspekte, die uns als Kirche und Gemeinde bis heute beschäftigen. Mit Sicherheit kann man auf ihn und seine Herrnhuter blicken, wenn man Ansätze zur Bewältigung dieser Problemfelder sucht.
Darum kann man sagen, es lohnt den alten Zinzendorf zu entstauben, denn er hat eine Bedeutung für uns und unsere Kirche und zwar eine ganz aktuelle.

Pfr. Dirk Purz